WAS IST COWORKING? Eigentum verpflichtet.

Liebe Leserin,

lieber Leser,
 
was ist eigentlich Coworking? Und wie genau funktioniert es? Klar, der Trend ist da und ein Blick auf die vielen Bilder im Netz reicht, um zu ahnen dass dort ein Haufen junger und junggebliebener „Digital Natives“ in bunten Räumen auf Fritz-Kola-Kisten sitzen. Treten wir einen Schritt zurück und betrachten das Motiv derer, die die Nähe zu Menschen suchen, die sie nicht kennen und mit denen sie zu Beginn auch kein Projekt verbindet, um sich Möbel, Kaffeebecher und Sitzsäcke zu teilen und in den Pausen Tischtennis zu spielen.
 
*** Definition: Coworking beschreibt Räumlichkeiten, in urbanen Landschaften, in denen Menschen stunden-, tage- oder monatsweise in Gemeinschaft arbeiten können. Dabei bietet der Vermieter Räumlichkeiten an, welche dem Lebensstil der Klientel entspricht. Dies führt dazu, dass sich eine homogene Zielgruppe für ein Coworking-Format entscheidet. Diese Homogenität erzeugt mentale Kompatibilität, die sich in gemeinsamen Workshops, Kooperationen, Partnerschaften und Start-Ups widerspiegeln. Erfolgreiche Coworking-Betreiber sind in der Lage diesen Vorgang so zu orchestrieren, dass er die Coworker glücklich macht. Gelingt es ihm nicht, gehen die sie weg oder gründen einen eigenen Space. ***
 
Wesentliche Bestandteile eines solchen Ambientes sind hier wohl nicht die Schreibtische, sondern die Gemeinschafts-Flächen. Coworker lieben es sich im Laufe des Tages Orte zu suchen, an denen sie mit Laptop, Kaffee und Kopfhörer bestückt, an ihren Projekten arbeiten und gleichzeitig z.B. durch ein Schaufenster dem „Leben in der Stadt“ zusehen können. Terrassen mit Sonnenschirmen oder Holztresen mit Barhockern in gemütlicher Ecklage mit Blick auf spannende Räume wirken ebenso anziehend. 
 
Gleichzeitig gilt es auch Strukturen für Gemeinschafts-Veranstaltungen zu bieten. Team-Meetings, Vorträge, Seminare oder Breakout-Sessions brauchen Räume die ihrerseits Equipment benötigen. Sogenannte Design-Thinking-Workshops (DT sind Denkmodelle Mindsets welche neue Lösungswege ermöglichen) blühen auf wenn spezielle Möbel bereit stehen. 
 
Auf feinstofflicher Ebene braucht ein Coworking-Space, und das ist vermutlich die wichtigste Zutat, etwas was man nicht online bestellen kann: Authentizität. Dieses Wort, was noch vor wenigen Jahren eher selten und für Viele sprachlich steinig war, ist zur neuen, ultimativen conditio sine qua non (unabdingbare Voraussetzung) geworden. Wo früher Repräsentations-Potenzial gesucht wurde, detektiert der Kunde heute die Wahrhaftigkeit im Inneren eines Angebotes.   
 
Warum ist dies so? Der Grund ist banal. Weil Coworker vertrauen wollen. Mit dem Lösen eines Coworking-Tickets begibt er sich als Individuum in eine Gemeinschaft. Die Gemeinschaft soll das bieten was früher üblicherweise die Kernfamilie sollte. Sie bietet Schutz. Schutz vor Langeweile. Schutz vor Einsamkeit. Schutz vor (informationeller) Unterversorgung. Nur authentischen Betreibern traut man zu, jenes Maß an Engagement zu entfalten, welches es braucht um eine Gemeinschaft täglich zusammenzuhalten. Deswegen entscheidet die Persönlichkeit des Community Managers ob eine Coworking Space prosperiert oder welkt und schließlich weicht. Diese Tätigkeit wird in 10 Jahren, in einen coolen Berufstitel gekleidet, den elementaren Brückenkopf zwischen Nutzer und Eigentümer darstellen. Hier deutet sich an wieviel Verantwortung wir Immobilien-Experten tragen, und was der Volksmund immer schon wusste wenn er mahnend Artikel 14 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland zitierte:
„Eigentum verpflichtet“.
  
Im Phänomen Coworking (und Coliving)  liegt gesellschaftlich das große Glück dieses Trends: Coworking verbindet motivierte und offenherzige Menschen miteinander und erzeugt unplanbare Begegnungen von Ideen und Individuen. Dies macht unser Land klüger und kreativer. Genau hier liegen auch die Gründe warum das Wohn-Pendant des Coworkings, das Coliving den Startblock gerade verlassen hat. Flächenschonende Lösungen für urbanes Wohnen, welche außerdem Gemeinschaft möglich macht, gehören die Zukunft. Auch hier wird sich zeigen, dass bauliche und innenarchitektonische Qualitäten nicht so wichtig sind, wie die gruppendynamische Kompetenz stabile soziale Gefüge herzustellen und aufrechtzuerhalten. Die Deutsche Sprache kennt zwei Begriffe, die im Englischen zu community zusammen gepresst werden: Gemeinde und Gemeinschaft. Dies zu differenzieren ist ein erster Schritt.
 
Herzliche Grüße, Ihr
 
Bernd-Claas Gesterkamp

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